Meine
erster schwuler Tag
von Christian Naja, eigentlich ist es die Zeit vor und nach dem 22. Februar 2002. Damals, vor dieser gar ewig langer Zeit, war ich achtzehndreiviertel Jahre alt. Ich bin Anfang des Jahres in meine erste eigene Wohnung gezogen, ein paar Kilometer von meinen Eltern weg, die Freiheit schnuppern. Oder so. Nun, dass ich schwul bin, war mir zu dieser Zeit schon viele, viele Jahre bewusst. Schwule Gedanken hatte ich schon im Grundschulalter, wirklich wahrgenommen habe ich das Ganze so mit dreizehn, schätze ich. Mir ist aufgefallen, dass ich eher den Jungs als den Mädchen nachgekuckt habe. Außerdem fand ich die Vorstellung mit einem Mädchen zu gehen oder gar Schlimmeres ziemlich furchtbar. So im Laufe der Zeit habe ich mir dann eingeredet "Hm, ich bin eben schwul, gut, irgendwie geht das schon", habe es aber völlig für mich behalten. In dieser Zeit auf der Realschule in Lünen-Brambauer hatte ich zwar Freunde, zumindest empfand ich das damals so, aber ihnen anvertrauen hätte ich mich nicht können. Als ich dann 1994 mit 16 Jahren in Dortmund auf die Höhere Handelsschule gewechselt habe, habe ich da auch etwas reifere und tolerantere Stadtmenschen kennengelernt. Zurückblickend kann man echt sagen, dass in dieser Zeit tatsächlich ein ganz schön großer Unterschied in Sachen Toleranz und Akzeptanz gegenüber Schwulen bestand. 1994 war auch die Zeit, in der Schwule und Lesben erstmals offen in Talkshow usw. aufgetreten sind. So denn, dort auf der Höheren Handelsschule habe ich dann auch Thorsten kennengelernt und mich in ihn richtig verliebt. Er war auch 16 und ziemlich ansehnlich, mein absoluter Traumtyp, wie ich jetzt sagen würde. Blond, blaue Augen, etwas kleiner als ich (Leute die mich kennen, würden mich jetzt anzetern, mich mit gebrochenen Handgelenke schlagen und dazu quieken!!!), sportliche Figur und so...*schwärm* Nun, im Laufe der Zeit habe ich dann akzeptiert eben schwul zu sein. Ich schaute mir im TV besagte Talkshows an, las irgendwelche Kontaktanzeigen und wusste auch, dass es in Bochum BO-YS (eine schwule Party) gibt, konnte mich aber nie überwinden etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Stattdessen beschloss ich, dass wenn ich mit der Schule fertig und in der Ausbildung bin, mich irgendwie zu outen und dann eben ein glückliches Leben mit guten Freunden, einem Freund und notfalls ohne die Menschen, die mich so nicht akzeptieren, zu führen. Tja, und genauso kam es dann komischerweise auch.... Ich zog also in meine Wohnung, meinte dann, dass es an der Zeit wäre andere Schwule kennenzulernen, las an verschiedenen Wochenenden Kontaktanzeigen in so Blättchen wie Coolibri oder im Videotext und meldete mich dann an einem Samstag dann bei Alex. Mit jener Person verabredete ich mich dann für den folgenden Dienstag im Café Extrablatt und, tja, dann trafen wir uns. Aufgeregt war ich nicht wirklich, eher gespannt. Nun, dann kam er an und ich kriegte erstmal einen Schrecken. Vor mir stand eine ziemliche Tunte, die mir völlig unsympathisch war. Naja, aber wenigstens schwul ;o). Wir sind dann noch ins BLU gegangen, wo wir dann auch noch den Inhaber trafen, der auch nicht gerade die Heterosexualität in Person ist. Ich dachte da tatsächlich, ich bin hier völlig fehl am Platze und fürchtete genauso zu werden... Tja, nach diesem Abend, der mir tagelang den Schlaf raubte, bin ich dann am Samstag (dem 22.) von Alex mit in KCR genommen worden, wo es eine schwule Jugendgruppe gab. Dort habe ich dann auch meinen ersten festen Freund kennengelernt und viele meiner ersten schwulen Freunde... Meine damalige beste Freundin, Tina, und meine Eltern fragten natürlich ständig was ich so mache und ich erzählte auch gleich von Alex und dem KCR, ohne allerdings wirklich zu sagen, wer oder was das alles ist. Tina gegenüber wurde ich als erstes deutlicher, und zwar fünf Tage drauf. Sie frug eifersüchtigerweise, wer Alex sei, ich sagte es sei kein Mädchen, sie freute sich, ich sagte, dazu gäbe es keinen Grund, sie sagte, sie verstehe nicht, ihre Klassenkameradin sagte ich sei schwul, ich wurde rot, Tina lachte, ich bestätigte und sie wollte Beweise. Somit war sie die einzige, die mir nicht glaubte, dass ich schwul bin. Frisch motiviert, habe ich mich dann eine halbe Stunde später dann in meiner Berufschulklasse vor ein paar Mitschülerinnen geoutet. Meine Eltern mussten erstmal warten. Meine Mutter las ein paar Wochen später, am 8. März 1997, in der Zeitung, dass das KCR sein 25jähriges Jubiläum zu feiern plante, woraufhin sie um 22:40 Uhr anrief und wissen wollte, ob ich wirklich nicht wisse, was KCR bedeute. Ich gab daraufhin eines der schwulen Worte, das unlängst zuvor als ein solches lernte von mir. "Nuuun..." "Da rennen ja lauter Lesben und Schwule rum!!!" Nun, ich gab meiner Mutter daraufhin die Möglichkeit, dreimal zu raten warum ich dort hinginge. Auf ein schlichtes "Ach so" folgte der Wunsch nach einem persönlichen Gespräch am folgenden Samstag, wobei dann mein Vater meinte, er habe es sowieso schon mindestens zwei Jahrzehnte gewusst (Wohlweißlich: Ich war zu der Zeit 18!!!), meine Schwester begnügte sich mit "einigen Jahren". Auch nett. Meine zu der Zeit noch formal bestehenden Hetenfreunde weihte praktischerweise Tina ein, noch bevor ich dazu kam. Diese und auch Tina fanden es soweit OK, haben auch meinen damalige Freund kennengelernt. Der Kontakt ist aber recht schnell eingeschlafen, nachdem ich die ganzen anderen Schwule kennengelernt hatte. Mit ihnen habe ich echte Freundschaften aufgebaut, außerdem machte mit ihnen alles viel mehr Spaß. Parties, Disco und so. Lebensfreunde halt!!! So denn, und heute gut viereinhalb Jahre später habe ich nur eines bereut: Dass ich nicht schon früher diesen Schritt gewagt habe. Wer weiß, vielleicht wäre aus Thorsten und mir ja was geworden?! Er frug mich nämlich mal kurz vor meinem 18. Geburtstag, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass ich Frauen nicht übermäßig interessant fände...
|